taz-Nord, 29.09.2010

HEILIGSPRECHUNG
Meyer-Werft wird Wallfahrtsort

Die Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft sind zu groß für die Ems.
Deswegen wird der Fluss seit Jahrzehnten den Wünschen der Werft
angepasst. Jetzt hat die Werft sogar einen Radwanderweg bekommen -
finanziert aus öffentlichen Geldern. Nicht alle sind davon begeistert.
VON THOMAS SCHUMACHER

"Es hat nicht geregnet!" Sagt die Lokalzeitung. Gelogen. Für die
Papenburger Meyer-Werft wird sogar das Wetter gebotoxt. Die Topmeldung
der Ostfriesen Zeitung passt zur Euphorie, mit der im Emsland ein
neuer Radweg gefeiert wird, der nur dem einen Ziel dient: die
Überführung von Kreuzfahrtschiffen der Meyer-Werft ganzjährig erlebbar
zu machen.
Sonntag, 9 Uhr. 70 EröffnungsradlerInnen frieren an der Dockschleuse
in Papenburg. Die Hälfte zittert im Dienste der Stadtverwaltung. Die
Wolken hängen tief. Hin und wieder Nieselregen. Später schüttet es.
Papenburgs Bürgermeister Jan Peter Bechtluf (CDU) hält eine Rede:
"Kreuzfahrtschiffe kommen nur dreimal im Jahr durch die Ems. Wir
wollen, dass Sie dieses Erlebnis das ganze Jahr über haben." Das isses
-jeden Tag Weihnachten.
Was der Bürgermeister sagen will: Wenn Meyers Kreuzfahrtschiffe von
Papenburg durch die Ems zur Nordsee geschubst werden, wollen das
tausende Besucher illegal auf den Deichen der Ems miterleben. 2009
verzeichnete die Papenburger Tourismus GmbH rund 100.000 Besucher in
dem von ihr gemanagten Besucherzentrum auf der Meyer-Werft.

All diese schönen Gäste reisen aber gleich wieder ab, und genau da
setzt der neue Radweg an, der auf den schönen Namen "Kreuzfahrtweg"
hört. Nicht alle sind damit glücklich, dass die Stadt Papenburg und
die ostfriesischen Fremdenverkehrsverbände den alten Radwanderweg zum
Meyer-Weg umfunktioniert haben. Widerstand kommt etwa von der
Bürgerinitiative "Rettet die Ems". "Sicher ist der Kreuzfahrtweg
politisch beladen, aber es gibt diese touristische Komponente",
formuliert Heike Brunken-Winkler. Sie ist Projektleiterin des
Kreuzfahrtweges.

Von Stukenbrock bei Bielefeld, dem Quellgebiet der Ems, bis Papenburg
ist der Fluss ein sanft vor sich hin mäanderndes Idyll. Flussstrände,
Sandbänke, Auenwäldchen. Nur die Einleitungen der Landwirtschaft
stören, und das Atomkraftwerk Lingen, an dem der Fluss angenehm warm
dahinschlängelt. Das Bild ändert sich schlagartig ab Papenburg. Ab da
ist der Fluss als Bundeswasserstraße ausgebaut. Von einem "Meyerkanal"
spricht die Bürgerinitiative "Rettet die Ems".
Ab Papenburg will der neue Kreuzfahrtweg die Strecke touristisch
"schärfen", wie es heißt. Die EU gibt Geld, anliegende Kommunen müssen
dazu zahlen. 50.000 Euro habe der "Meyerweg" bislang gekostet, heißt
es aus dem Papenburger Rathaus. Der Bürgermeister von Leer, Wolfgang
Kellner, soll angesichts der Projektplanung vor Wut geschäumt haben.
Extra für Meyer wurde die gerade sanierte Jan-Berghaus-Brücke in Leer
erweitert. Das kostete Millionen. Es kam zu "Bauschwierigkeiten". Die
Brücke war fast ein Jahr gesperrt. Wegen der Bauten an der Ems für die
Meyer-Werft ist der Leeraner Hafen sowieso nur noch eingeschränkt
nutzbar.

Die zehn "Erlebnisstationen" des neuen Radweges "Kreuzfahrt" sind
nicht leicht zu finden - es gab Probleme bei der Standortfreigabe der
Stationen, zum Beispiel mit den Küstenschützern der Deichverbände. Die
sahen die Deichsicherheit gefährdet. Außerdem war das Leitsystem der
Route, bestehend aus 30 Silhouetten der bisher auf der Werft
gefertigten Kreuzfahrtschiffe, schon am Eröffnungstag lückenhaft.
Irgendjemand muss das Mantra von Werftenchef Meyer ("Wir müssen
flexibel sein") falsch verstanden haben. Eine flexible Eingreiftruppe
hatte einige Stelen abgesägt. Der Staatsschutz ermittelt.
"Naturschützer" sollen der Meyer-Werft Gewalt angetan haben, vermutet
die Ostfriesen Zeitung.
Die erste Station steht vor der Kulisse der gewaltigen Trockendocks
der Meyer-Werft, doch keine Station sagt wirklich etwas zum Schlick.
Die Ems wurde mehrfach für die Meyer-Überführungen ausgebaggert.
Dadurch erhöhte sich die Fließgeschwindigkeit. Erst vor ein paar
Wochen spülte das Wasser vor dem Emssperrwerk bei Gandersum ein
riesiges Loch aus. Ein tonnenschwerer Pfeiler am Eingang der
Sperrwerksdurchfahrt verschwand darin. Deiche drohen unterspült zu
werden. Die Flut transportiert Millionen Kubikmeter Schlick ins
Binnenland.

"Unsere Häuser zerreißen wegen der Ausbaggerungen", sagt Elfi Oorlog
aus Mitling Mark an der Ems. Von der Decke bis ins Fundament klafft
ein zugiger Riss in ihrem Wohnzimmer. "Der Werfttourismus ist
Leichenbeschau an der Ems", meint Willi Ostendorp aus
Westoverledingen.( De Dyklopers) Weil das Schlickproblem zu bedrohlich wird und nicht
mehr zu managen ist, haben WWF, Bund und Nabu vorgeschlagen, einen
Kanal von Papenburg oder Dörpen bis nach Emden zu bauen, um so die
Meyer-Schiffe ans Meer zu bringen.

"Die Verbände haben uns mit dem Kanalvorschlag auf gut Deutsch vor
die Kommode geschissen", schimpft Frau Oorlog. Die Aktivisten vor Ort
fordern, die Werft nach Emden zu verlagern. Das wollte sogar der
ehemalige Ministerpräsident Gerhard Schröder. Meyer ließ den
Basta-Mann abklatschen und die Werft in Papenburg ausbauen.
Zur Zeit wird die Ems für die Schiffsüberführungen nicht nur
ausgebaggert, sie wird auch aufgestaut. Dabei ertrinken flugunfähige
Jungvögel in den überschwemmten Deichvorländern. Allerdings hat der
Landkreis Leer der Meyer-Werft verboten, während der
Schiffsüberführungen "Time to say good bye" aus allen Lautsprechern
der Vergnügungsschiffe zu dudeln. Begründung: Die Vögel im
Naturschutzgebiet der Vordeiche würden gestört.

DIE MEYER-WERFT
Geschichte: 1795 in Papenburg gegründet, hat die Meyer-Werft als
einzige in der Stadt die Umstellung vom Holzschiffbau zum Eisenschiff
geschafft. 20 andere Werften sind daran gescheitert.
Spezialität: Mitten in der Werftkrise der 80er Jahre fand Meyer seine
Nische als Kreuzfahrtschiffbauer. Mit technischen Innovationen
etablierte sich die Werft auf dem Weltmarkt. Sie beschäftigt je nach
Ertragslage 1.500 bis 2.000 Arbeiter.
Lage: Weil die Werft im Binnenland liegt, musste die Ems zur
Bundeswasserstraße umgebaut werden. Bisher weigert sich das
Unternehmen beharrlich, einen Teil seiner Produktion ans Meer, etwa
nach Emden, zu verlagern.
Besitzverhältnisse: Die Meyer-Werft befindet sich in Familienbesitz,
ihr derzeitiger Chef ist Bernard Meyer.
Spektakel: Am 30. Oktober dockt das neueste Kreuzfahrtschiff, die
Disney Dream, aus, die Emsüberführung ist für Mitte November geplant.


 

September 2010

Auf der "Kreuzfahrtroute Ems" sollen Touristen das ganze Jahr über erkennen können, wie die Überführung der Meyer-Schiffe aussieht und an welchen markanten Stellen, wie Brücken und Stauwerk, Luxusliner der Meyer-Werft, die Ems passieren. An diesen bestimmten Punkten wurden bereits Infotafeln aufgestellt.

 Auch wir, von den Dyklopers, haben uns Gedanken über diese Route gemacht, wir haben sie allerdings "Kreuzweg" der Ems genannt. In unserem speziell zu diesem Thema hergestelltem Flyer, haben wir die Punkte markiert, an denen besonderes zu erkennen ist, wie gravierend sich die Ems und die Umwelt durch die jahrelangen Ausbaggerungen, Begradigungen und das Aufstauen der Ems, während jeder Überführung, verändert hat. Unseren Flyer können Sie bestellen unter folgender  Mailadresse  > schgrief-man-driest@t-online.de <

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